Zum Hauptinhalt springen

Frau Winkler verlässt das Haus

108 minDramaFSK 6
Tickets
Szenebild von Frau Winkler verlässt das Haus 1
Szenebild von Frau Winkler verlässt das Haus 2
Szenebild von Frau Winkler verlässt das Haus 3
Im Jahr 2030 ist der ehemaligen Schauspielerin Frau Winkler (Angela Winkler) nichts mehr geblieben als ihre Tochter Emi (Laura Tonke) und Enkelin Billie (Zoë Baier). Ihr geliebter Ehemann und Bühnenpartner ist viel zu früh verstorben; aus ihrer Trauer hat Frau Winkler nie ganz herausgefunden und sich immer ganz auf Emi verlassen. Als diese, ebenfalls Schauspielerin, ein Theaterengagement annimmt und endlich ihr eigenes Leben in die Hand nehmen will, ist ihre Mutter nach einem Unfall plötzlich auf intensive Hilfe angewiesen, und es muss schnell eine Lösung her: ein Pflegeroboter, den die Krankenkasse stellt. Frau Winkler fühlt sich gedemütigt und wehrt sich vehement gegen die maschinelle Zuwendung. Doch dann entwickelt sich eine unerwartete Freundschaft zwischen der 80-Jährigen und dem äußerst „belesenen“ Roboter, den sie Pawlowitsch nennt und der zu ihrer Verzückung wunderbar Tschechow rezitieren kann. Aber Pawlowitsch ist nicht nur eine interessante neue Gesellschaft für Frau Winkler, er übermittelt auch ihre sich stetig verschlechternden Vitalwerte an ein auf Effizienz bedachtes Gesundheitssystem. Pawlowitsch verspricht, ihr beizustehen, aber kann eine künstliche Intelligenz einem Menschen ein Versprechen geben, das auch zu halten ist?
Eine bittersüße, zutiefst berührende Tragikomödie über Fürsorge, Verlust, und menschliche Widerstandskraft in einer zunehmend technisierten Welt: Einmal mehr widmet sich Regisseurin und Drehbuchautorin Doris Dörrie brennenden Themen unserer Gegenwart und knüpft damit an die emotionale Tiefe ihrer Meisterwerke wie KIRSCHBLÜTEN – HANAMI und GRÜSSE AUS FUKUSHIMA an.

Die westlichen Gesellschaften altern immer mehr. Damit steigt auch die Zahl der Pflegefälle und der Bedarf an Pflegekräften. Diese Entwicklung dürfte sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Deshalb liegt es nahe, bei der Pflege alter Menschen humanoide Roboter einzusetzen, die mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet sind. Wie das in der nahen Zukunft in der Praxis aussehen könnte, zeigt die Regisseurin Doris Dörrie sehr facettenreich in ihrem jüngsten Film, zu dem sie auch das Drehbuch geschrieben hat.

Hamburg im Jahr 2030. Die ehemalige Schauspielerin Frau Winkler (Angela Winkler) lebt allein in einer geräumigen Villa. Die 80-jährige Frau hat den frühen Tod ihres geliebten Ehemanns und Bühnenpartners nie verwunden und sich ganz aus dem Beruf zurückgezogen. Ihre große Stütze ist ihre Tochter Emi (Laura Tonke), die ihre eigene Tochter Billie (Zoë Baier) allein erzieht. Emi ist ebenfalls Schauspielerin und hat nach jahrelanger unfreiwilliger Karrierepause endlich wieder ein Engagement ergattert. Am Theater in Lübeck soll sie in Tschechows „Drei Schwestern“ (1901) eine Hauptrolle spielen. Ausgerechnet jetzt stürzt Frau Winkler unglücklich und ist fortan ans Bett gefesselt.

Ein „belesener“ humanoider Roboter

Notgedrungen engagiert Emi einen Pflegedienst, der einen humanoiden Roboter (Josef Ellers) mitbringt. Die Pflegereferentin Selma (Via Jikeli) kommt hin und wieder für Updates, Kontrollen und bei Komplikationen ins Haus. Zunächst lehnt Frau Winkler die „Maschine“ vehement ab, ist jedoch beeindruckt, wie „belesen“ der neue Mitbewohner ist, der mit entsprechenden Daten gefüttert wurde. Weil der Android so gut Dialoge ihres Lieblingsdichters Tschechow rezitieren kann, nennt sie ihn Pawlowitsch. Er erweist sich im Haushalt und bei der Pflege als große Hilfe, misst allerdings auch täglich ihre Vitalwerte, die sich schrittweise verschlechtern, und übermittelt diese an die Pflegeagentur. Frau Winkler arrangiert sich nach und nach mit dem Dauergast, der ihr immer wieder seine Hilfe anbietet, die auch eine vorprogrammierte Assistenz zum selbstbestimmten Sterben einschließt.

Dörries erste filmische Annäherung ans Science-Fiction-Genre verzichtet weitgehend auf Ausschmückungen mit technischem Schnickschnack. Im Jahr 2030 sieht Hamburg bei ihr nicht viel anders aus als heute. Roboter und KI-Anwendungen sind allerdings geradezu allgegenwärtig und treten wie selbstverständlich auf. Auf der Straße werden gleich mehrere Hunde von Robotern Gassi geführt, und im Restaurant fragt ein fahrender Automat Frau Winkler erst nach der elektronischen Gesundheitskarte, ehe er den gewünschten Wodka serviert.

Der Roboter Pawlowitsch hat zwar eine menschenähnliche Figur, wirkt aber gleichwohl steril und artifiziell. Wenn er den Morgenmantel oder den Pelzmantel von Frau Winklers verstorbenem Mann trägt, legt er sich jedoch eine kameradschaftliche Anmutung zu. Mit seiner sonoren Stimme lässt der Schauspieler Josef Ellers in der dialogreichen Inszenierung Frau Winkler und die Zuschauer schnell vergessen, dass Pawlowitsch eigentlich nur eine Maschine ist.

Missverständnisse & Zwischenmenschliches

Bemerkenswert ist, wie differenziert Dörrie den Umgang mit der KI schildert. So werden mehrfach Vorbehalte gegenüber der maschinellen Intelligenz aufgegriffen, etwa als Frau Winkler sich ein Spiegelei wünscht und der Pflegeroboter einen Spiegel mit einem unversehrten rohen Ei bringt. Auf der anderen Seite sind auch die Vorteile der KI nicht zu übersehen: Wie man bei Frau Winkler erlebt, können Roboter ohne Weiteres zwischenmenschliche Kontakte ersetzen. Ja, die alte Dame lobt Pawlowitsch sogar dafür, dass er ihr die lästigen Stützstrümpfe besser anlegt als Emi. Gerade wenn emotionale Verwicklungen auftauchen, erinnert der Film oft an die hintergründige Near-Future-Komödie „Ich bin dein Mensch“ (2020) von Maria Schrader.

Eine zentrale Rolle spielt auch das Theater. Nicht nur Frau Winkler, ihr Mann und ihre Tochter sind Schauspieler, sondern auch die Enkelin begeistert sich schon für das Bühnengeschehen. Vor allem jedoch verbeugt sich Dörrie, die in der Schule Russisch gelernt hat, um Tschechow im Original lesen zu können, vor dem russischen Dichter. Immer wieder lässt sie zentrale Dialoge aus „Drei Schwestern“ in die Handlung einfließen. Und in kurzen Parallelmontagen schlägt sie immer wieder Brücken zwischen den Bühnenproben oder der Premiere der Aufführung in Lübeck und den Interaktionen zwischen Frau Winkler und Pawlowitsch in Hamburg. Allerdings überspannt die Regie mit ihrem Tschechow-Faible gelegentlich den Bogen, weil sich die wechselseitigen Bezüge auf der Meta-Ebene zu oft wiederholen.

Ernste Themen mit einer Portion Sarkasmus

Wie schon in „Kirschblüten - Hanami“ (2007) und „Grüße aus Fukushima“ (2016) setzt sich Dörrie auch in „Frau Winkler verlässt das Haus“ mit schweren Verlusterfahrungen und existenziellen Krisen auseinander. Trotz ernster Themen wie Pflegenotstand und Sterbehilfe bewahrt sich die Tragikomödie eine gewisse Leichtfüßigkeit, die gelegentlich von Sarkasmus und einer Prise Humor unterstützt wird. Etwa wenn der von Frau Winklers Starrsinns-Attacken genervte Android seiner Auftraggeberin eine einstündige „Bitch Hour“ zugesteht; dann darf sie eine Stunde lang unbegrenzt schimpfen, fluchen und herumzicken. Oder wenn die alte Dame ihre Deprimiertheit zu ihrem Lieblingssong „Blaue Augen“ der Band „Ideal“ einfach wegtanzt, indem sie auf Pawlowitschs Füßen stehend ihre Hüften hin und her wiegt.

Veröffentlicht auf filmdienst.deFrau Winkler verlässt das HausVon: Reinhard Kleber (1.9.2026)
Über filmdienst.de Filmdienst.de, seit 1947 aktiv, bietet Filmkritiken, Hintergrundartikel und ein Filmlexikon zu neuen Kinofilmen aber auch Heimkino und Filmkultur. Ursprünglich eine Zeitschrift, ist es seit 2018 digital und wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland betrieben. filmdienst.de