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Filmkritik
Der neueste Film von David Robert Mitchell ist – wieder einmal – schwer (nur) einem Genre zuzuordnen. Was beginnt als American-Suburbia- und Familienfilm, zeigt bald vielversprechende Ansätze eines kontroversen Ehedramas, bevor das Werk nach zeitlich genau richtig bemessener Exposition bald echte Horror- und Schockerqualitäten beweist. Und ohne eine reichliche Portion Science-Fiction wäre das Ganze so natürlich ebenso wenig denkbar. Dennoch sei die Behauptung gewagt: Im Kern und seinem eigentlichen Wesen nach ist „The End of Oak Street“ eine Persiflage all dieser Gattungen – und dadurch, wohl kalkuliert, auch eine ziemlich unterhaltsame Komödie.
Ein Paradies am Rande einer mittelgroßen Stadt
Gleich zu Beginn wird man in sanftem Drohnenflug über eine idyllische, geradezu paradiesische (!) Tallandschaft in die ruhige Oak Street geführt, die wohl eine Wohngegend am Rande einer mittelgroßen US-Stadt durchzieht. Szenenaufbau und Ausstattung sind hier wie durchgehend im Film zu rühmen; die charakteristische Atmosphäre der 1980er-Jahre (man schreibt das Jahr 1982) wird perfekt eingefangen und widergespiegelt: von der graubraunen Farbpalette im goldenen Licht eines späten Nachmittags über die historisch korrekten Alltagsgegenstände (Autos, Räder, Haushaltseinrichtungen) bis hin zum Reden und Agieren der Figuren. Durch die Inszenierung von Milieu und Atmosphäre fühlt man sich unwillkürlich versetzt in Filme von Rob Reiner oder Steven Spielberg aus dieser Epoche.
Viel Augenmerk liegt dabei auch hier auf den Kindern und Heranwachsenden, die in einem scheinbar endlosen Sommer in ihren Ferien mehr oder weniger unschuldigen Späßen und Spielen nachgehen. Wenn der junge Brian Platt (Christian Convery) mit Pfeil und Bogen auf die Pirsch geht, kann man sogar bis zu Mark Twain zurückdenken. Er ist das jüngere Kind einer vierköpfigen Familie, tollt mit dem Hund herum und macht zu Beginn noch Scherze über einen großen „Haufen“. Hätte er das mal lieber gelassen …! Audrey (Maisy Stella) ist etwas älter, ernsthafter und pflegt ihre eigene Form des Eskapismus, indem sie nachts auf dem Vordach nach einem Fachbuch Mond und Sterne beobachtet und sich ersichtlich alle möglichen Reisen durch Raum und Zeit vorstellen kann. Kurz: ein beispielhaftes Bilderbuch uramerikanischer (Film-)Motive.
Lichtblitze und Urlaute
In der Straße der Eichen trifft man die letzten heiter-turbulenten Vorbereitungen zum traditionellen Nachbarschaftsfest, und die Platts sind mittendrin und voll dabei: Mutter Denise (Anne Hathaway), ganz offensichtlich das Familienoberhaupt, pflegt ostentativ die sozialen Kontakte, Vater Greg (Ewan McGregor) gehört hinter den Grill (eigentlich!), und alle zusammen albern ausgelassen herum beim Sackhüpfen … Kurz darauf ist aber nichts mehr, wie es einmal war! Das erste Anzeichen (neben den leichten Rissen im ehelichen Zusammenhalt) ist ein Riss im Boden, aus welchem eine fremdartige, irgendwie tropisch anmutende Pflanze beängstigend rasch emporwächst; dazu lassen sich seltsame Lichtblitze und animalische Urlaute wahrnehmen. Als eines Morgens in des Nachbars Garten ein monstermäßiger Dunghaufen prangt und der Hund verschwunden bleibt, ist allen klar: Sie sind nicht allein; eine neue (alte!) Lebensform ist unheimlich präsent in der Oak Street!
Man kann es ruhig ohne zu spoilern aussprechen, da ja auch das Filmplakat verrät, um was für Wesen es sich dabei handelt: Die Dinos sind zurück! Und sie sind hungrig und schlechter Laune; also machen sie sogleich Jagd auf die Menschen – und sich selbst. Wie kann das angehen? Entweder ist das gesamte Viertel rund um Oak Street auf unerklärliche Weise durch ein Wurmloch ins Jurassische teleportiert worden, was den Zwang zu jener haarsträubenden Kohabitation halbwegs logisch erscheinen ließe, oder – eher noch – es hat sich wie bei einem gigantischen Gewächshaus eine unsichtbare, doch sehr manifeste Glocke über die Gegend im Hier und Jetzt gesenkt, die moderne Menschen und archaische Monster gleichermaßen gefangen hält. (Das Szenario gemahnt ein wenig an die entfernt verwandt geartete Serie „Under the Dome“.) Das wäre umso folgerichtiger, als einmal beinahe beiläufig die globale Klimaveränderung und der Treibhauseffekt erwähnt wird, als die Platts fieberhaft versuchen, Sinn in ihren verwirrenden Sinneseindrücken zu suchen.
Überlebensinstinkte und Werte gegen die Kreaturen
Was sich nun anspinnt, ist klassischer, souverän inszenierter Monsterhorror mit einer von den Kreaturen gejagten, quasi im Krieg befindlichen, gestressten US-amerikanischen Jedermann-Familie im Zentrum, die vor der Folie des drohenden Weltuntergangs (der Welt, die sie für die einzig lebenswerte hält) alle allgemein menschlichen Überlebensinstinkte und die Werte, die das Land einst groß gemacht haben, beschwören und heraufrufen muss: Glaube, Liebe, Hoffnung beziehungsweise unerschütterlichen, Schopenhauer würde sagen: ruchlosen Optimismus. Dabei steht die Familie – selbst die durch eine Blitzadoption einer Opferwaise rasch erweiterte – als Quelle und Hort des Menschlichen über allem.
Das ist nun aber dermaßen ostentativ ins Bild gesetzt und ausagiert, dass man hinter Scherz, Satire und Ironie unwillkürlich nach der tieferen Bedeutung, nach motivischer Innovation und aktuellem Zeitbezug sucht. Die Starbesetzung mit Anne Hathaway und Ewan McGregor erweist sich dazu übrigens beinahe als kontraproduktiv: natürlich sind sie mehr als befähigt, aber ein Casting unbekannterer Darsteller hätte dem Gefüge der Geschichte wohl generell gutgetan. Selbst das Krude, Blutrünstige, das in diesem Genre nicht ausbleiben kann, wird so inszeniert, dass es beim Publikum eher unfreiwilliges Auflachen als kathartische Furcht und Schrecken erregt.
Eine Dekonstruktion der Sehgewohnheiten?
Geht es David Robert Mitchell wirklich um eine lustvolle Persiflage der genannten Genres, ist „The End of Oak Street“ also nur sommerliche Popcorn-Action zum Zweck des schnellen, wohligen Gruselns, letztlich eine Geisterbahnfahrt im starren Kinosessel? Oder steckt doch mehr hinter der zunächst intellektuell harmlosen, unverdächtigen Fassade? Betreibt der versierte Autorenfilmer Mitchell hier am Ende gar die Dekonstruktion aller herkömmlichen Seh- und Erwartungsgewohnheiten des Horrorfilmgenres und unterläuft geschickt die übliche Forderung einer erpressten Versöhnung von Mensch und Natur und eines Happy Ends am Schluss eines FSK-12-Films?
All dies wird schlussendlich im Auge des Betrachters liegen, abhängig auch davon, für wie wahrscheinlich man die Möglichkeit von Zeitreisen erachtet. Einen kleinen Hinweis in dieser Sache gibt der Regisseur, sicherlich nicht unbeabsichtigt, durch den offensichtlichen und augenfälligen Einsatz generativer KI: Starbuck, der Familienhund, ist in den entscheidenden Szenen, in denen er den Platts rettend zur Hilfe kommt, computeranimiert. Die Dialektik der Aufklärung produziert in „The End of Oak Street“ einen Film, der angetan ist, letztlich alle Filme seines spezifischen Genres zu beenden – und das selbst um den Preis, dass auch eine künstlerische Intelligenz von so hohen Graden wie David Robert Mitchell – auf den Hund kommt.









