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Filmkritik
Beim Casting für einen Film über die Malerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) spricht eine junge Schauspielerin (Katharina Stark) für die Hauptrolle vor. In einer Mischung aus Übereifer und Ehrgeiz seziert sie das Oeuvre der Künstlerin und demonstriert so, wie akribisch sie sich auf den Termin vorbereitet hat. Die Prüfer wollen allerdings weniger über den künstlerischen Nachlass der Malerin erfahren als über die Motivation der jungen Mimin. Als diese dann freier und persönlicher spricht, erhält sie den Zuschlag für die Rolle.
Zu den Wirkstätten der Künstlerin
Filmische Biografien nähern sich ihren Forschungsobjekten entweder in der dokumentarischen Form oder in Gestalt eines Biopics. Der Film „Wer weiß schon, was ein Leben ist?“ behandelt sein Sujet in einer originellen Hybridform. Der Lebensweg von Modersohn-Becker wird in einer fiktiven Handlung über die Schauspielerin erzählt, die sich in den drei Wochen vor dem im Film angesetzten Drehbeginn zu den Wirkstätten der Künstlerin begibt. Zwischen dieser beruflichen Recherche einer Schauspielerin, die eine Malerin spielt, erweitern die Regisseurinnen Annelie Boroș und Vera Brückner den filmischen Rahmen: Sie lassen auch Kunsthistoriker:innen und Kurator:innen zu Wort kommen sowie eine französische Biografin von Modersohn-Becker.
Anhand mehrerer Meta-Ebenen und Verfremdungstechniken schildert der Film also den Lebensweg der Malerin, was auf nachvollziehbare und spannende Weise gelingt. Modersohn-Becker starb jung, verkaufte zu Lebzeiten kaum ein Bild und erlangte erst Jahrzehnte nach ihrem Tod den Stellenwert, den sie heute noch einnimmt.
Die anderen Schauspieler:innen erhalten im Film keine Namen, nehmen ihre Figuren – Otto Modersohn (Enno Trebs), Rainer Maria Rilke (Merlin Rose) und Clara Westhoff (Dominique Devenport) – aber ebenfalls ernst. Die Mimen und die realen Kunstkenner:innen reflektieren nacheinander zunächst darüber, dass es mehr als hundert Jahre nach dem Tod der Malerin unmöglich sei zu sagen, wer und wie sie in Wirklichkeit war. Alles sei Interpretation, vermittelt der Film zu Beginn. Danach entwickelt er sich in verschiedene Richtungen, denn die Erforschung der Frau und Künstlerin zieht Fragen nach sich. War Clara Westhoff im Unterschied zu ihrer besten Freundin Paula Becker die eigentliche Feministin? War Paulas späterer Ehemann Otto Modersohn trotz seiner Verliebtheit und den Gefälligkeiten ein Chauvinist?
Ansteckender Wissens- und Perfektionsdrang
So denkt der Film ausführlich darüber nach, ob man Figuren aus der Sicht heutiger Werte und Überzeugungen interpretieren kann oder ob man sie im Kontext ihrer Zeit sehen muss. Um die Sitten und Moralvorstellungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu verstehen, forscht die Schauspielerin in Worpswede und Paris, schaut sich die Werke von Modersohn-Becker an und steckt in ihrem Wissens- und Perfektionsdrang ihre Kolleg:innen an. Parallel zu den existierenden und vermuteten Liebes- und Freundschaftsbeziehungen der historischen Vorbilder entwickeln sich innerhalb des Ensembles ebenfalls Begehrlichkeiten und romantische Verflechtungen.
Dann wiederum sinnieren Schauspieler und Experten darüber, wie physisch die Beziehung der Eheleute Modersohn-Becker gewesen sei – und müssen doch wieder spekulieren. So stellt sich der Film durch seine fiktiven und realen Protagonist:innen immer wieder auch Fragen über die Machbarkeit und Überprüfbarkeit einer historischen Biografie. Vor allem geht es jedoch um das zu ihren Lebzeiten verkannte Oeuvre der Malerin. Man erfährt, welche Steine die patriarchale Gesellschaft Frauen in den Weg legte, die Malerei studieren wollten. Wie sich ein Kunstkritiker echauffierte, dass in Bremen 1899 eine exklusive Ausstellung für Malerinnen ausgerichtet wurde, und wie er ihre Werke in der Zeitung umgehend verriss. Frauen waren für die drei Ks – Kinder, Küche und Kirche – vorgesehen. Weibliche Selbstbestimmung empfanden die Männer der Zeit als Zumutung.
Der Malerin ging es nie um Beschönigung
Durch Modersohn-Beckers Oeuvre erfährt man auch von der materiellen Abhängigkeit der Künstlerin und wie sie sie zu ihren Gunsten umwandelte. Ihre Modelle besorgte sie sich aus Armenhäusern, weil sie sich keine anderen leisten konnte. Dadurch entstanden berührende Gemälde, die von der Realität dieser Menschen erzählen. Der Malerin ging es nie um Beschönigung: Ihre Kinderporträts verniedlichten nicht; ihr Gemälde einer stillenden Mutter mit Kind brach ein Tabu. Diese (kunst-)geschichtlichen Einordnungen steuern die Expert:innen, die Schauspieler:innen oder die Werke der Künstlerin selbst bei.
Die ambivalente Beziehung zu ihrem Ehemann Otto Modersohn zieht sich als roter Faden durch den Film, aber auch ihr unbedingter Wunsch nach Selbstverwirklichung. Heute erscheint das vielen westlichen Frauen als normal – damals galt es als egoistisch. Auch Worpswede und Paris, der absolute Sehnsuchts- und Schaffensort der Künstlerin, dienen im Film als aktive und verfremdende Kulissen. Montagen und Kollagen mit der Schauspielerin im Kostüm des Biopics, das immer nur angekündigt wird, bringen eine spielerische Note ein. Die Befürchtung, dass diese geballte Ladung an Personal und stilistischen Mitteln den Film überfrachten würde, geht fehl; denn Akteure und Ebenen ergänzen sich erstaunlich harmonisch und tragen viel zum eigentlichen Anliegen des Films bei: der Würdigung einer mutigen Frau und einer herausragenden Künstlerin.







